SPD Ortsverein Nidderau
Wir. Gestalten. Nidderau.

Meldung:

10. März 2018
AsF Nidderau

Einführungsvortrag zur Ausstellung "Zwölf vergessene Frauen"

„Guten Morgen sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen!

Ich freue mich sehr, dass Sie heute den Weg hierher gefunden haben, um gemeinsam mit uns das Jubiläumsjahr „100 Jahre Frauenwahlrecht“ mit der von uns organisierten Ausstellung zu eröffnen.

Am 12. November 1918 wurde im Reichstag das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für alle Bürger und Bürgerinnen eingeführt, die das 20.Lebensjahr vollendet haben und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Wir sind der Meinung, das ist es wert gefeiert zu werden.
Ich bin davon überzeugt, dass es im Laufe des Jahres noch viele weitere Veranstaltungen zu diesem Thema geben wird und wir machen mit dieser Ausstellung den Auftakt.

Die AsF Nidderau ist der Meinung, dass das Frauenwahlrecht eine der wichtigsten politischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ist. Es wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts leidenschaftlich erkämpft und es macht uns immer sehr traurig, wenn von diesem Grundrecht nur mangelhaft Gebrauch gemacht wird.
Dieses Jahr wird am 28. Oktober in Hessen der Landtag neu gewählt und ich fordere Sie alle auf:
Bitte gehen Sie wählen!


Nun möchte ich Sie gerne in die Ausstellung einführen und wesentliche Informationen darüber geben, die Sie nicht auf den Tafeln sehen und lesen können.

Bei den vergessenen Frauen handelt es sich um die ersten weiblichen Abgeordneten im Hessischen Landtag in der Zeit zwischen 1919 und 1934. Die Beauftragte für Frauenfragen der hessischen Landesregierung, Inge Sollwedel, hat 1983 Frau Prof. Dr. Ingrid Langer von der Universität Marburg gebeten, das Leben und Wirken dieser Frauen zu erforschen, da hierüber keine Dokumente in den Staatsarchiven zu finden waren. Diese Forschungsarbeit kann man mit der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen vergleichen.
Frau Prof. Dr. Langer und ihr Team fasste die Ergebnisse in einer Dokumentation zusammen und konzipierte diese Ausstellung. Die Dokumentation zur Forschungsarbeit wurde in dem Buch „Zwölf vergessene Frauen“ veröffentlicht, das heute leider nur noch antiquarisch zu bekommen ist.

Der Schwerpunkt der Forschungsarbeit von Frau Prof. Dr. Langer wurde auf die Sozialpolitik der Weimarer Republik gelegt, gerade im Hinblick auf die Frauenpolitik.
Es galt herauszufinden, wer die ersten weiblichen Abgeordneten im Parlament des Hessischen Volksstaates waren. Sie wusste, dass während der ganzen Zeit des Volksstaates von 1919 bis 1933 zwölf Frauen waren, die aus sechs Parteien kamen. Ziel war es, das ganze Leben dieser Frauen darzustellen; nicht nur die Bereiche von politisch-öffentlichem Leben – abgetrennt vom persönlichen Leben, wie es bei Biographien oft der Fall ist.

Nach fast fünfjähriger Forschungsarbeit konnte die Dokumentation vorgelegt werden.
Am 13. Februar 1989, dem 70. Jahrestag der Verfassungsgebenden Versammlung fand mit einer Feierstunde durch den Präsidenten des Hessischen Landtags endlich eine Würdigung für diese weiblichen Abgeordneten statt.
Das Buch und die Ausstellung macht diese zwölf bisher unsichtbaren Pionierinnen wieder sichtbar, nach denen in Hessen keine Straße, kein Parteihaus und keine Ehrung benannt ist.

Bei der ersten Sitzung der Verfassungsgebenden Volkskammer der Republik Hessen, am 13. Februar 1919 wurden nun auch fünf weibliche Abgeordnete aus verschiedenen Parteien in den ersten Hessischen Landtag gewählt.

Auch die Tatsache, dass diese Volkskammer erstmals von Frauen mit gewählt wurde, ist niemandem eine Erwähnung wert.
Nur die Anrede: „Liebe Kolleginnen und Kollegen“ vom Alterspräsidenten und späteren Staatspräsidenten Ulrich und „Meine Damen und Herren“ vom in der Sitzung gewählten Landtagspräsidenten Adelung) lassen vage auf diese Revolution schließen. – Aber auch nur, wenn man weiß, dass das Publikum auf der Galerie, auf der sich auch Frauen befanden, in dieser Anrede nicht eingeschlossen war.
Keine der Frauen wird zu einem der beiden Vizepräsidenten oder zu einem der fünf Schriftführer gewählt.

Bei der feierlichen Eröffnung im Darmstädter Ständehaus waren 67 Abgeordnete anwesend, fünf davon Frauen. – Erstmals in der Geschichte Hessens.
Das waren, in alphabetischer Reihenfolge : Frau Karoline (Lina) Balser, DDP (Deutsche Demokratische Partei), Frau Else Bierau, DVP (Deutsche Volkspartei), Frau Elisabeth (Else) Hattemer, Z (Zentrum), Frau Anna Rauck, SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und Frau Margarete (Gretchen) Steinhäuser ebenfalls SPD.

Das Verzeichnis der Namen der anwesenden Abgeordneten in alphabetischer Reihenfolge notiert ihre Namen, ohne die Anrede „Frau“. Also: ………….s.o.
Im Protokoll dieser historischen Sitzung kommen Frauen also praktisch nicht vor.
Sie wurden, bewusster oder unbewusster Mechanismus (?) – unsichtbar gemacht.

Bis 1933 wurden dann sieben weitere, also insgesamt 12 Frauen (in jeweils wechselnder Zahl) Volksvertreterinnen die Sitz und Stimmen im Landtag hatten. Sie gehören den Parteien der Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP an, ebenso wie der rechten (DVP und DNVP) und der linken Opposition (KPD) an.

12 Frauen, unterschiedlich nach Herkunft, Ausbildung und Lebensweg, denen vor allem ihre politische Arbeit im Landtag gemeinsam ist, erleiden alle das gleiche Schicksal: Sie sind vergessen!

Die Arbeit der weiblichen Abgeordneten musste ausschließlich aus den Landtagsprotokollen rekonstruiert werden.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen so unterschiedlichen Frauen?
Fast alle kommen aus Frauenverbänden und/oder der Wohlfahrtsarbeit.
Alle sind aktive, lebendige, dem Leben zugewandte Frauen.
Sie sind gesund und erreichen fast alle ein hohes bis sehr hohes Alter – außer zweien:
Frau Balser und Frau Noll, die in den 50igern sterben.
Keine von ihnen mochte Hausarbeit gerne, keine nahm sich besonders wichtig.
Soweit genauere Informationen vorgelegen haben geht man davon aus, dass die Frauen eher von ihren Vätern und Großvätern als von ihren Müttern geprägt worden sind.
Frau Pringsheim (SPD) Abgeordnete von1927 -31, sieht sich vor allem als Enkelin ihres Großvaters Carl Vogt, der bereits Paulskirchen-Parlamentarier war.

Für alle Frauen gilt mehr oder weniger, dass sie sich mit den „weiblichen Aufgabenfeldern“ die ihnen von ihren Parteikollegen oft „nur“ überlassen worden sind, identifiziert haben.
Häufig wurde beklagt, dass ihre Anliegen nicht genügend berücksichtigt würden:
Der Wunsch nach einer Referentin im Gesamtministerium, nach mehr Beamtinnenstellen, nach einem Hebammengesetz, nach mehr Rektorinnen und Lehrerinnen an Mädchenschulen, nach einer Reform der §§ 218/219 StGB (natürlich nur von den linken Frauen), der Kampf gegen die doppelte Moral zeigen, dass sie durchaus bereit waren gegen die Männer um ihre Rechte zu kämpfen, und dass in manchen dieser Fragen die wenigen Frauen am ehesten zusammen an einem Strang zogen.

Allen ist aber auch gemeinsam, dass sie erstaunlich ungebrochen bleiben, sich selbst und ihren Überzeugungen treu, trotz aller persönlichen Schicksalsschläge und Verfolgungen:
Die KPD und zum Teil die SPD- Abgeordneten müssen selbst und/oder ihre Angehörigen Gefängnis, KZ, Exil und die Ermordung von Söhnen durch die Nazis ertragen.
Nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichkanzler ernannt wurde, beginnt Innenminister Fricke sofort Druck auf die Regierung Adelung auszuüben.

Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933, die nicht mehr unter demokratischen Bedingungen stattfinden, erreicht die NSDAP 43,2% der Stimmen und schon am 6. März wird in Darmstadt der NSDAP-Landtagsabgeordnete Müller als deutscher Reichskommissar eingesetzt.
Am 13. März 1933 wird Landtagspräsident Prof. Werner, NSDAP, jetzt mit den Stimmen des Zentrums und gegen die Stimmen der SPD zum Staatspräsidenten gewählt und ebenso ein regionales Ermächtigungsgesetz beschlossen, gegen das nur die SPD stimmt.

Das „Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“ vom 31. März 1933 bestimmt, dass alle Landesparlamente nach dem Ergebnis der Reichtagswahl vom 5. März zusammengesetzt werden müssen und dass die Zahl der Mitglieder des neu zu bildenden Landtags 50 nicht überschreiten darf: danach gehören 26 Abgeordnete einer Kampffront Schwarz-Weiß-Rot an. Fünf Sitze wären der schon verbotenen KPD zuzuweisen gewesen. Weibliche Abgeordnete gibt es an diesem VII. Landtag nicht mehr.

Unter der nationalsozialistischen Herrschaft verlieren die Frauen sofort die 1918 errungenen politischen Rechte.
Die nationalsozialistische Partei hatte schon 1921 in ihren Grundsätzen festgelegt, dass Frauen von der aktiven Politik auszuschließen seien.

Für den Rundgang empfehle ich unbedingt mit den Tafeln 1-4 zu beginnen um sich ein Bild machen zu können, wie vor 100 Jahren Hessen und die politische Landschaft ausgesehen hat. Sie werden feststellen, dass es erhebliche Unterschiede zwischen dem Volksstaat Hessen und dem heutigen Bundesland Hessen gibt.
Wichtig um die damaligen gesellschaftspolitischen Verhältnisse verstehen zu können, sind die Tafeln 5 und 6 zu den Themen: Frauenwahlrecht und Herrenrechtler.“

SPD Ortsverein Nidderau

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